Der Zwerg 3; Vertrauen

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als unser Zwerg sich endlich gestattete, einmal hinzusitzen und richtig Rast zu machen. Im Schatten eines grossen Fliegenpilzes, etwas versteckt und mit wohlig weichem Moos bedeckt, fand er ein gemütliches Ruhekissen aus alten Ahornblättern für seinen müden Kopf. Er legte sich ein Weilchen hin und versuchte, sich zu entspannen, aber seine Gedanken schwirrten nur so hin und her und er fand keine Ruhe. Was würde morgen sein? Würde er die Kuhle auf der höheren Veilchenalp rechtzeitig erreichen, oder würden die schrecklichen Sägen vor ihm dort sein? Würde er seine Freunde gesund und munter wiedersehn? Wie hoch würde der Preis sein? Würde er je wieder Frieden und Ruhe verspüren? Er hielt inne und auf einmal erblickte er in der zerfurchten Rinde einer alten Rottanne ein stilles Gedicht. Also, eigentlich war es kein Gedicht, wie wir es heute kennen und die meisten von euch hätten es wohl kaum entdeckt, aber unser Zwerg sah ganz still zur Tanne hin und begriff, dass ihm da jemand eine Botschaft hinterlassen hatte. Sie war in zwergonisch verfasst und ihr müsst wissen, dass Zwerge nur und ausschliesslich in Bildern schreiben. Vielleicht denkt ihr nun, dass Buchstaben doch viel besser und genauer seien als Bilder, aber dem würden alle Zwerge ohne Ausnahme sofort entgegenhalten, dass Bilder auszudrücken vermögen, wozu Buchstaben nie in der Lage wären.

Unser Zwerg blickte also intensiv und konzentriert zur Rottanne, entzifferte die eingekratzte Nachricht und merkte, wie sich sein Herzschlag langsam beruhigte, ja schliesslich entfuhr ihm ein tiefer Seufzer der Erleichterung. Auf einmal sah er sich selbst auf dem Bild, ganz klein, von blossem Auge kaum zu sehen, und doch geborgen in einer grossen, starken Hand, viel grösser als die eines Menschen, beschützt und gehegt, so unendlich wichtig und umsorgt, und er wusste auf einmal ganz tief drinnen; es kommt gut. Er wusste zwar nicht wie, wann und warum, ob so oder so, aber er spürte den zarten Flügelschlag dessen, was wir Menschen Hoffnung oder Glaube nennen und er entschied sich in dieser Stunde unter dem Fliegenpilz, dem zu vertrauen